21. November 2017

Wolli auf den Spuren der Laktoseunverträglichkeit

Der US-amerikanische Schauspieler Orlando Bloom hat sie, ebenso wie Anne Hathaway, Whoopi Goldberg und etwa 15 Millionen deutsche Bundesbürger: Die Milchzucker-Unverträglichkeit ist weltweit verbreitet und liegt uns gewissermaßen im Blut, wie der vor 4000 Jahren verstorbene Ötzi beweist.

Art. 805 Kartoffelbrot

Art. 805 Kartoffelbrot

„Ist dieses Brot laktosefrei? fragt die Kundin unsicher und zeigt auf eines der warmen, frischgebackenen Kartoffelbrote, die ich vor wenigen Minuten in das Verkaufsregal der Landbäckerei einsortiert habe. Überrascht schaue ich meine Gesprächspartnerin an. „Laktosefreies Brot? Sie vertragen keinen Milchzucker?“
„Es besteht der Verdacht einer Laktoseintoleranz“ erwidert die Kundin. „Daher hat mir mein Arzt geraten, vorerst a

uf alle milchzuckerhaltigen Lebensmittel zu verzichten“. „Bei diesen Broten hier brauchen Sie sich keine Sorgen machen“, beruhige ich meine Gesprächspartnerin. „Es ist absolut michlzuckerfrei“. Auf viele andere Nahrungsmittel trifft diese Aussage leider nicht zu.

Oft lösen Darmbakterien die typischen Beschwerden aus

laktosefrei

laktosefrei

Milchzucker wird auch als Laktose bezeichnet und gehört in die Gruppe der Zweifachzucker. Diese sogenannten Disaccharide können vom Körper nicht direkt zur Energiegewinnung genutzt werden sondern müssen zunächst mit Hilfe von Enzymen in einfache, wasserlösliche Zuckerbausteine gespalten werden. Beim Milchzucker übernimmt das Enzym Laktase diese Aufgabe. Es wird in speziellen Körperzellen gebildet und ist überwiegend im menschlichen Dünndarm aktiv. Oft produzieren die Zellen jedoch zu wenig oder gar keine Laktase. Nehmen die davon betroffenen Personen dann größere Mengen Milchzucker über die Nahrung auf, reichert sich die Laktose im Dickdarm an und wird von den dort lebenden Darmbakterien als Nahrungsquelle genutzt. Bei diesem bakteriellen Stoffwechsel-Prozess entstehen Milchsäure und Gärgase. Sie lösen die für eine Laktoseintoleranz typischen Blähungen, starken Bauchschmerzen und unangenehmen Darmbeschwerden aus.

Laktosefreie Nahrungsmittel: Vielfalt statt Verzicht!

Mini Marmorkuchen

Laktosefreie Kuchen

Milchzucker ist vor allem in Frischmilch und vielen milchhaltigen Lebensmitteln wie Eis, Pudding und Sahne enthalten. Die Herkunft der Milch spielt dabei keine Rolle, Kuhmilch ist ebenso milchzuckerhaltig wie Schafs- oder Ziegenmilch. Vorsicht ist auch bei Wurstwaren, milchhaltigen Brotsorten, fertig angerührten Salatdressings und praktischen Tütensuppen geboten. Diese Lebensmittel können Milch- oder Magermilchpulver, Molke oder Rahm enthalten und damit Beschwerden auslösen. Milchzuckerarm und meist gut verträglich sind dagegen Butter, Naturjoghurt, Mozzarella, Camembert, Fetakäse sowie lang gereifter Edamer, Gouda, Parmesan und Bergkäse. Hier haben die im Käse enthaltenen Milchsäurebakterien einen Großteil der ursprünglichen Laktose als Nahrungsquelle genutzt und sie dabei in leichter verdauliche Nährstoffe umgewandelt. Ebenfalls laktosefrei und unbedenklich sind milchzuckerfreie Vollmilch und die aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellte Hafer-, Soja- oder Mandelmilch. Früher bedeutet Laktoseintoleranz vor allem eines: Verzicht. Heute steht den Betroffenen eine große Vielfalt milchzuckerfreier Lebensmittel zur Auswahl. Dazu zählen laktosefreie Brötchen ebenso wie Baguettes, gesunde Vollkornbrote oder leckere Pizza- und Pastagerichte. Ja sogar Kuchen, Kekse, Muffins, Schokolade, Eiscreme und Pudding sind in milchzuckerfreier Form erhältlich!

Laktoseunverträglichkeit: Mehr Regel als Ausnahme

In Deutschland reagieren rund 15- 25 Prozent der Bundesbürger empfindlich auf den in Nahrungsmitteln enthaltenen Milchzucker. Global ist die Zahl der Betroffenen deutlich höher: Wissenschaftler vermuten, dass etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung laktoseintolerant ist. Die Ursache dafür liegt in der menschlichen Genetik. Hier ist festgelegt, dass jeder menschliche Organismus in den ersten Lebensmonaten ausreichend Laktase produziert um die wertvolle Muttermilch problemlos verdauen zu können. Wird das Kind älter, nimmt sein Milchbedarf kontinuierlich ab. Ab diesem Entwicklungszeitpunkt schränken auch die laktose-produzierenden Zellen ihre Aktivität immer stärker ein. Als die Urvölker Nordeuropas die Viehzucht entdeckten und sich mehr und mehr von Milch- und Milchprodukten ernährten, passte sich ihr Organismus an die neuen Lebensgewohnheiten an. In anderen frühzeitlichen Völkern war das Trinken von Milch zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt, hier unterblieb auch die genetische Anpassung.

Ein Vertreter dieser Spezies ist der vor etwa 4000 Jahren tödlich verunglückte und bis 1992 im Eis der Südtiroler Alpen konservierte Ötzi. Würde er heute leben, müsste er sich laktosefrei ernähren. Und es würde ihm ganz sicher schmecken.