20. August 2017

Wolli und der geschenkte Kaffee

Die Adventszeit naht. Kaum wird die erste Kerze auf dem Adventskranz angezündet, beginnt für viele eine aufregende Zeit. Die Gedanken kreisen um das Weihnachtsfest, gleichzeitig steigt mit jedem Tag die Vorfreude auf die meist liebevoll ausgewählten Geschenke. Eine ganz andere Form des Schenkens sorgt derzeit in vielen Cafés, Bistros und Restaurants für Freude: Suspended Coffee heißt das Zauberwort, das inzwischen weltweit Augen zum Leuchten bringt.

Eine Tasse Kaffee und ein Baguette extra

Suspended Coffee Logo

Suspended Coffee Logo

„Ich möchte zwei Tassen Kaffee und zwei Salami-Baguettes bezahlen“, erklärt der Gast und legt einen zwanzig Euro Schein auf den Bistrotisch. „Gern“ antworte ich, öffne meine Geldbörse und zähle das Wechselgeld ab. Im gleichen Augenblick stutze ich: „Zwei? Sie haben doch nur eine Tasse Kaffee und ein Baguette bestellt!“ „Das ist richtig“, erwidert der Gast. „Die zweite Tasse Kaffee und das zusätzliche Baguette möchte ich aufschieben und an jemanden verschenken, der sich diesen leckeren Imbiss selbst nicht leisten kann. Sie kennen doch die Initiative „Suspended Coffee“?“ „Nein, davon habe ich noch nichts gehört“, antworte ich verblüfft. „Aber ich möchte gerne mehr über diese Initiative erfahren“.

Kaffee ist Zeichen von Verbundenheit

Die Idee des suspended Coffee, des aufgeschobenen Kaffees, stammt ursprünglich aus der süditalienischen Hafenstadt Neapel und entstand in den Aufbaujahren nach Ende des 2. Weltkrieges. Während dieser Zeit lebten viele Neapolitaner in Armut, in zahlreichen Familien reichte das karge Einkommen nicht einmal um satt zu werden. Kaffee, einst Ausdruck neapolitanischer Kultur und Lebensfreude, wurde für viele Bewohner der Stadt zum unerschwinglichen Luxusgut. Gleichzeitig waren die schweren Nachkriegsjahre von einer besonders starken Solidarität geprägt. Der geschenkte Kaffee, mit dem wirtschaftlich besser gestellte Neapolitaner ihre notleidenden Nachbarn unterstützten, wurde zum Ausdruck ihrer Verbundenheit. Später dehnte sich die Idee des suspended Coffee auf Lebensmittel- und Kleidergeschenke aus.

Jeder aufgeschobene Kaffee ist eine Einladung

Suspended Coffee

Suspended Coffee

Gespannt lausche ich den Ausführungen meines Gastes. Gewiss, in einer Gesellschaft, in der sich jeder hauptsächlich auf die eigenen Interessen konzentriert, kann ein geschenkter Kaffee viel Nähe zwischen Fremden schaffen. Jeder aufgeschobene Kaffee ist eine Einladung. Er ist besonders an die Mitmenschen gerichtet, die aus ganz persönlichen Gründen um kommunikative Treffpunkte wie Cafés, Bistros und Restaurants einen großen Bogen machen. Die Botschaft ist klar: Kommt rein, jeder gehört dazu. Kleine Geschenke wie der suspended Coffee können helfen Bekanntschaften zu schließen, Vorurteile abzubauen und bestehende Barrieren zu überwinden.

Während unseres Gespräches betritt eine junge Frau das Landcafé. Frierend schlüpft sie aus ihrem vom Regen völlig durchnässten Mantel und nimmt auf einem Stuhl in der Nähe des Kamins Platz. „Darf ich mich einen Augenblick im Landcafé aufwärmen?“, fragt sie unsicher, als ich ihr die Getränke- und Speisekarte bringe. „Ich habe versehentlich mein Portemonnaie zu Hause vergessen und warte nun darauf, dass man es mir bringt.
Sie hat sich anschließend sehr über den geschenkten Kaffee gefreut.

Über admin

Schreiben Sie einen Beitrag

*