18. November 2017

Wolli und das Walnuss-Duell

Kraftvoll saust der kleine Hammer auf die braune, grobrissige Schale. Ihr lautes Splittern verrät, dieser Schlag hat gesessen! Verstohlen blicke ich auf meine Kontrahenten, die mit mir um den Titel des dorfbesten Walnussknackers wetteifern. Noch ist nichts entschieden…

„Was machen wir nur mit so vielen Walnüssen?“, klagt meine Mutter und stellt zwei weitere, prall gefüllte Weidenkörbe auf dem Boden des Dachgeschosses ab. „Keine Ahnung“, erwidere ich und betrachte die reiche Nussernte, die auf Zeitungspapier trocknend die gesamte Bodenfläche des Dachgeschosses bedeckt. „Du hast recht, wir müssen uns etwas einfallen lassen“, stimme ich ihr zu. „Sonst können wir unseren Dachboden bald nicht mehr betreten“.

Walnüsse

Walnüsse

Die rettende Idee entsteht am nächsten Morgen in der Backstube. Wie wäre es, wenn wir auf dem Landcafé-Weihnachtsmarkt unterschiedliche Spezialitäten aus Walnüssen anbieten? Sofort fallen mir die herzhaften Walnuss-Traumstollen ein, die seit Mitte November sicher verpackt in einem Lagerraum auf ihren Anschnitt warten. Bis zum Start des Weihnachtsmarktes bleibt außerdem noch genügend Zeit um leckere Weihnachtsplätzchen aus Walnussteig zu backen. Sehr beliebt sind auch die Bio-Walnussbrote, die wir vor allem im Winter anbieten. Doch so vielversprechend meine Ideen auch klingen mögen: Mit drei Walnuss-Spezialitäten allein füllen wir noch keinen Weihnachtsmarkt-Stand. Hoffnungsvoll mache ich mich auf die Suche nach weiteren ausgefallenen Walnuss-Kreationen.

Focaccia mit Walnuss-Pesto? Skeptisch runzelt meine Mutter die Stirn während sie zögernd in das knusprig-warme, mit Rucola, Käse, Putenfleisch und Pesto gefüllte Weißbrot beißt. Sofort hellt sich die Miene meiner wichtigsten Kritikerin auf: „Wolli, das schmeckt großartig!“ Damit ist über das Schicksal unserer braunschaligen Gäste auf dem Dachboden entschieden. Hätte ich doch nur geahnt, welch harte Nuss ich mir mit dieser Entscheidung aufbürde!

„Hallo Wolli, wie ist die Lage?“, fragt mein Freund Anton, als er am frühen Abend die Küche im Landcafé betritt. „Miserabel“, antworte ich gereizt. Seit Stunden sitze ich nun schon vor dem massiven Eichenholz-Esstisch inmitten unzähliger Schalensplitter und schlage mit einem kleinen Holzhammer auf die widerstandsfähigen Walnüsse ein. Der Hammer hat sich inzwischen als das bisher komfortabelste Werkzeug zum Öffnen der Nussschalen erwiesen. Immerhin konnte ich so die Stückzahl pro Stunde deutlich steigern. Trotzdem leert sich der bis zum Rand mit Walnüssen beladene Wäschekorb im Zeitlupentempo. „Brauchst du die Nusskerne tatsächlich alle in diesem Jahr oder arbeitest du schon für die nächste Adventszeit vor?“ Anton kann sich eine spöttische Bemerkung angesichts meines Elends nicht verkneifen. „Wenn du mich ärgern willst, hau besser ab!“, fauche ich ihn wütend an und stelle die Schale mit den Nusskernen zur Kontrolle auf die Küchenwaage. Beim Blick auf das Wiegeergebnis taumelt meine Geduld endgültig gen Nullpunkt: Es fehlen noch immer 600 Gramm Walnusskerne.

Schließlich kann Anton meine schlechte Laune nicht mehr ertragen und verlässt die Küche. Zu meiner Überraschung kehrt er wenige Minuten später mit einem pfeifenähnlichen Nussknacker aus Holz zurück. „Probier es doch mal mit dieser Nuss-Schraubenpresse“, muntert er mich auf und drückt mir das hölzerne Werkzeug in die Hand.
Angelockt von den Hammerschlägen haben inzwischen auch mehrere Gäste aus der Dorfwirtschaft den Weg in die Küche gefunden. Sie alle scheinen fachkundige Walnuss-Liebhaber zu sein, selbstverständlich hat jeder von ihnen den mit Abstand besten Nussknacker im Einsatz. Schnell entwickelt sich aus dem anfangs wohlwollenden Expertengespräch ein hitziges Wortgefecht über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Nussknacker. Wer ist der Stärkste? Führt etwa der hölzerne, als Husar bemalte Nussknacker das Feld an oder sind ihm die Nussknackerzangen, die Bechernussknacker oder die Walnusssplitter weit überlegen? Als zu guter Letzt ein muskulöser Kraftprotz damit prahlt, dass er zum Öffnen der Nussschalen lediglich eine weitere Walnuss benötigt, ringe ich endgültig um Fassung. Doch halt: Warum soll ich mich ärgern? Es gibt doch einen viel besseren Weg!

„Ihr wollt wissen welcher Nussknacker der Beste ist?“, rufe ich provokativ in die Runde. „Gut, probieren wir es aus! Ich fordere euch zum Duell. Sieger ist, wer nach zehn Minuten die meisten Nusskerne in sein Dessertschälchen gesammelt hat. Einverstanden?“

Walnussöl

Walnussöl

„Fünf, vier, drei, zwei, eins und stopp!“ Auf die Sekunde genau beendet der Schiedsrichter unseren Wettstreit. Sichtlich erschöpft lehnen sich die Kontrahenten zurück, keine Frage, hier hat jeder vollen Einsatz gezeigt. Verstohlen werfe ich einen Blick in die Dessertschälchen meiner Gegner und atme auf. Der Plan hat funktioniert! In den Schälchen liegen die restlichen 600 Gramm Walnusskerne für das Pesto!

Am Ende dieses Tages steht eines fest: Nie wieder werde ich Walnüsse unterschätzen. Ein versöhnlicher Gedanke ist jedoch das feine Walnussöl, das bald in der nahegelegenen Ölmühle aus den noch verbliebenen Nüssen entsteht.

Über Wolli

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