28. Juli 2014

Die Geschichte vom Muffin, der eigentlich ein Cupcake war

„Geben Sie mir bitte einen Cupcake mit Schoko-Haube und einen Blueberry-Muffinantwortet die Kundin und deutet auf die gut sortierte Warenauslage unserer Dorfbäckerei. Dann stutzt sie: „Cupcake und Muffin, ist das nicht das Gleiche?

Oh nein“, widerspreche ich ihr höflich. „Cupcakes und Muffins unterscheiden sich grundlegend voneinander. In diesem Augenblick fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor kurzem im Internet gelesen habe. Ich beschließe die Geschichte inhaltlich abzuwandeln und mit ihrer Hilfe die Unterschiede zwischen Muffins und Cupcakes zu verdeutlichen. „Haben Sie ein paar Minuten Zeit?“, frage ich die Kundin und schenke uns zwei Tassen Kaffee ein. „Ich würde Ihnen gerne eine kleine Geschichte erzählen“. „Ja gerne“, antwortet die Kundin erfreut und greift nach ihrem Teller, auf dem ein Muffin und ein Cupcake friedlich nebeneinander liegen. So sanftmütig war die Stimmung zwischen den beiden freilich nicht immer…

Cupcakes

Cupcakes

Der Streit zwischen den Muffins und Cupcakes könnte sich in den frühen Morgenstunden in einer der großen EDNA-Backstuben zugetragen haben. Routiniert hatten die EDNA-Bäckerinnen und Bäcker kurz zuvor die letzten Backzutaten in die große Teigschüssel gegeben. Nun mischte das Rührwerk die aromatisch duftende Masse noch einmal kräftig durch. Nach einem letzten kritischen Blick begannen die Bäckerinnen und Bäcker den Teig in zahlreiche weiße Papierförmchen zu füllen, die sorgfältig vorbereitet auf den großen Backblechen vor ihnen lagen. Es dauerte nur wenige Minuten bis ein herrlicher Duft nach frisch gebackenen kleinen Kuchen aus dem Ofen drang. Zufrieden betrachteten die Bäckerinnen und Bäcker ihr Werk. Tatsächlich hatten sich die kleinen Kuchen in der Ofenhitze prächtig entwickelt: Rund und gleichmäßig wölbte sich ihr Teigbauch über den Rand der weißen Papierförmchen. In einigen von ihnen schlummerte, vor neugierigen Blicken gut verborgen, ein Herz aus zartem Nuss-Nougat. Einen knackigen Biss versprachen die vielen kleinen Stückchen aus heller und dunkler Schokolade, die fröhlich aus der lecker gebräunten Teigkruste der Kuchenzwerge blinzelten. Andere Muffins auf dem Blech verbargen anstelle der Nuss-Nougatfüllung besonders viele Schoko-Chips, fruchtige Blaubeerstückchen oder einen hohen Anteil belgischer Schokolade in ihrem Inneren.

Schoko-Cupcake

Schoko-Cupcake

Ganz anders dagegen war ein kleiner Kuchen, der auf einem anderen großen Backblech lag. Schlicht und einfach wirkte seine zart gebräunte Oberfläche. Auf ihr wetteiferten keine knackigen Schokostückchen um die Gunst des Betrachters. Irritiert blickte sich der kleine Kuchen um. Auch den anderen Muffins blieb der optische Unterschied nicht verborgen. „Wo ist denn deine knusprige Schoko-Oberfläche?“ fragten sie den kleinen Kuchen und naschten heimlich einige Krümel von seinem frischgebackenen Teig. „Du bist süßer als wir und dein Teig scheint viel weicher zu sein“, stellten sie fest und lachten ihn aus. Verlegen schaute der Kleine zu Boden: „Dann bin ich also kein Muffin“, stellte er traurig fest. „Aber was bin ich dann?“

„Vielleicht bist Du eine Semmel“, riefen ihm die anderen Muffins schadenfroh zu. Sehnsüchtig schielte der kleine Kuchen auf die schokoladenfreie Oberfläche der Knusperbrötchen. „Nein, du gehörst nicht zu uns!“, widersprachen die Semmeln entrüstet. „Schließlich hast du keine so schöne goldgelbe Farbe wie wir!“. „Das ist wahr“, antwortete der kleine Kuchen enttäuscht. „Wenn ich schon keine Semmel bin, gehöre ich vielleicht zu den Krapfen?“ fragte er sich insgeheim und stupste keck einen besonders rund geratenen Berliner an. Dieser drehte sich gemächlich zu Seite. „Du willst ein Krapfen sein?“ fragte er unwirsch. „Hast du denn eine mit Puderzucker oder Zuckerguss dekorierte Oberfläche? „Nein“, gab der kleine Kuchen kleinlaut zu.

„Mein Herz besteht aus einer Himbeer-Johannisbeer-Füllung, fuhr der dicke, runde Geselle unbeirrt fort und deines? Verstohlen blickte der kleine Kuchen in sein Inneres. „Da ist nichts“, antwortete er weinerlich. „Dann bist du auch kein Berliner“, gab sein behebiger Gesprächspartner schroff zurück. Betroffen schwieg der kleine Kuchen. „Wenn ich kein Muffin bin, nicht zu den Brötchen gehöre und keine Ähnlichkeit mit einem Berliner habe, was bin ich dann?“, fragte er sich verzweifelt.

„Du gehörst zu uns“, schallte es aus einer anderen Ecke der Backstube. „Und wer seid ihr?“, fragte der kleine Kuchen. Noch bevor er eine Antwort erhielt, hatte ihn eine große Hand behutsam vom Backblech gehoben. Ängstlich verstummte der kleine Kuchen. In diesem Augenblick griff eine andere große Hand zu einem Spritzbeutel und verpasste dem kleinen Kuchen eine große, feine Cremehaube mitten auf den runden Teigbauch. Und weil das der großen Hand noch nicht schön genug war, verzierte sie den kleinen Kuchen obendrein mit vielen bunten Zuckerstreuseln, bevor sie ihn zu seinen Artgenossen auf das Backblech legte. Stolz betrachtete der Kleine sein neues, edles Outfit. „Seht her“, rief er den sprachlosen Muffins triumphierend zu, ich bin kein Kuchenzwerg wie ihr, „ich bin ein Cupcake!“

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