18. November 2017

Warum steigt der Weizenpreis in Deutschland? Wolli fragt nach

Der gestiegene Weizenpreis und seine Folgen

Gestern bekam ich einen Brief von EDNA. Darin teilte mir das Unternehmen mit, dass sie zum 15. September 2010 die Preise erhöhen werden. Damit reagiert EDNA auf den inzwischen um 80 Prozent gestiegenen Rohstoffpreis für Weizenmehl. Künftig kosten tiefgekühlte Brötchenrohlinge je nach Gewicht zwischen 0,5 und 1,2 Cent mehr. Die Einkaufspreise für Brote und Baguettes steigen um 4 und 8 Cent pro Stück und für Croissants mit Butteranteil muss ich zwischen einem und vier Cent mehr zahlen.

„Eigentlich fällt die Preissteigerung moderat aus“, dachte ich. Da EDNA jedoch mein größter Lieferant für Brötchen, Brote, Baguettes und Sandwich-Zutaten ist, werde ich jetzt überprüfen müssen, ob ich die Verkaufspreise in meinem Landcafé und der angrenzenden Dorfbäckerei aufrecht erhalten kann oder ob ich eine Angleichung vornehmen muss.

Seit ich vor sechs Wochen in der umgebauten Maschinenhalle auf dem ehemaligen Bauernhof meiner Eltern ein behagliches Landcafé mit einer integrierten Dorfbäckerei und einer kleinen Dorfwirtschaft eröffnet habe, brauche ich mir über einen mangelnden Kundenzuspruch und schleppende Umsatzzahlen glücklicherweise keine Sorgen zu machen. Doch wie wird mein noch junger Kundenstamm auf eine mögliche Preiserhöhung reagieren?

Eine weitere Frage verunsicherte mich: Was muss passieren, damit der Preis für Weizenmehl innerhalb weniger Wochen um 80 Prozent steigt? Ich beschloss, am Abend meinen Freund Johannes auf das Thema anzusprechen. Johannes ist Landwirt und bewirtschaftet einen 550 Hektar großen Ackerbaubetrieb in unserem Dorf. Gewiss wird er auch heute Abend am wöchentlichen Stammtisch der Ortsbauern in der Dorfwirtschaft teilnehmen.

Preisschwankungen sind nicht ungewöhnlich

„Weißt Du Wolli, große Preisschwankungen für Getreide sind grundsätzlich nichts ungewöhnliches“, erklärt mir Johannes und nimmt einen tiefen Zug aus seinem Bierglas. Im August 2006, als ich den landwirtschaftlichen Betrieb von meinem Vater übernommen habe, lag der Weizenpreis bei rund 130,00 Euro pro Tonne. Innerhalb von zwölf Monaten schnellte er dann auf über 280,00 Euro pro Tonne hoch. Ursache für den drastischen Preisanstieg war damals die deutlich geringere Weizenernte in der EU“, erzählt Johannes. Er berichtet, dass die EU-Landwirte im Herbst 2006 auf weniger Flächen Weizen gesät haben. Sehr negativ haben sich dann die Wetterkapriolen zwischen September 2006 und Juni 2007 ausgewirkt. „Schon der Januar 2007 ist ungewöhnlich warm und sonnig gewesen. Viele Pflanzen haben vorzeitig ihre Winterruhe beendet und sind dann vom Frost im Folgemonat Februar geschädigt worden“, erinnert sich Johannes.

Das trockene Frühjahr hatte Folgen

Im Frühjahr beginnen Getreidepflanzen mit der Bestockung. Das ist eine sehr wichtige Wachstumsphase für die Pflanze und für den Landwirt“, berichtet Johannes. „In dieser Zeit entscheidet sich, wie viele Ähren eine Weizenpflanze später haben wird“. In den Ähren befinden sich die Weizenkörner, die später zu Mehl verarbeitet werden. Da das Frühjahr ungewöhnlich warm und viel zu trocken war, gerieten die Weizenpflanzen unter Trockenstress und haben weniger Ähren und weniger Körner ausgebildet. In den vergleichsweise kühlen, verregneten Sommermonate 2007 konnten die Weizenpflanzen deutlich weniger Stärke produzieren und in den Weizenkörnern einlagern. „Das hat sich zusätzlich negativ auf die Mehlmenge und Mehlqualität ausgewirkt. Gutes Mehl war im Jahr 2007 knapp und damit entsprechend teuer“, beendet Johannes seine Ausführungen.

In Deutschland werden dieses Jahr rund 4 Millionen Tonnen Weizen weniger geerntet

„Und dieses Jahr“, frage ich, „welche Gründe sind für den um 80 Prozent gestiegenen Weizenpreis in diesem Jahr verantwortlich?

„Experten schätzen, dass in diesem Jahr in Deutschland etwa 4 Millionen Tonnen weniger Weizen geerntet werden als im Jahr 2009. Diese Ernteverluste sind sicherlich eine Folge der Wetterverhältnisse während der vergangenen Monate. Sie haben aber nicht allein zu dem aktuell hohen Weizenpreis geführt“, antwortet Johannes. In Russland sorgen die Dürre und die verheerenden Brände voraussichtlich für dramatische Ernteausfälle. Obwohl noch gar nicht feststeht, wie hoch die Verluste tatsächlich sind, treibt allein die Aussicht auf Ernteverluste den Weizenpreis in die Höhe. Hinzu kommt, dass der steigende Wohlstand in Schwellenländer wie China und Indien zu einem höheren Fleischkonsum führt. Dadurch wird weltweit immer mehr Getreide für die Ernährung von Schlachttieren aufgewendet und steht nicht mehr als Brotgetreide zur Verfügung.

Ähren

Gefahr durch Spekulanten

„Die größte Sorge bereiten mir allerdings die zunehmenden Spekulationen auf landwirtschaftliche Rohstoffe wie Weizen, Kakao, Kaffee und Zucker. Immer mehr Hedge-Fonds und Fondsbetreiber entdecken landwirtschaftliche Rohstoffe als vielversprechende Anlageobjekte und fördern damit den Preisanstieg dieser Nahrungsmittel. „Droht in Deutschland jetzt etwa eine Hungersnot?“, will ich von Johannes wissen. „Nein“, beruhigt er mich. „Es existieren noch sehr große Lagerbestände aus den Rekordernten der Jahre 2008 und 2009. Von diesen Reserven werden wir bis zur nächsten Ernte profitieren“.

An diesem Abend schloss ich sehr nachdenklich die Eingangstür der Dorfwirtschaft. Ich beschloss, das Angebot von EDNA anzunehmen, künftig verstärkt auf Mengenrabatte zu achten und mir in meinem Preissystem 15 Prozent Zusatzrabatt ab einem Auftragswert bei Backwaren von 250 € zu sichern. Auch mit Online-Bestellungen und der Umstellung auf SuperMIX-Artikel kann ich einen Teil der Mehrkosten kompensieren. Vielleicht brauche ich dann die Verkaufspreise für Brötchen, Baguettes und Sandwiches gar nicht anzuheben.

Über Wolli

Comments

  1. Manuel schreibt:

    endlich wird das mal vernünftig und einfach erklärt!

  2. Hallo Wolli

    endlich mal jemand der die Situation(Weizenpreis-Preiserhöhung) gut und verständlich
    erklärt

    So sollte es auch jeder verstehen.das wir uns nicht bereichern möchten sondern nur überleben

    mfg

  3. Backpfeife schreibt:

    Lieber Wolli,

    also deine Geschichte hat mir wirklich gefallen. Einerseits gut strukturiert, ideenreich verpackt und andererseits auch leicht verständlich. Leider kommt es jährlich zu den Erhöhungen und die Argumentationen der Unternehmer sind vielfältigst. Letztes Jahr war es die Finanzkrise heuer ist der Weizenpreis, was wird wohl nächstes kommen?

    Aber bei einer so nett verpackten Erklärung einer Erhöhung kommt trotz der Preiserhöhung wieder Freude auf. Meine Kunden kann auch auf diese Geschichte verweisen.

    Also lieber Wolli, gestalte deinen Blog weiterhin so interessant und abwechslungsreich. Ich freue mich schon auf den Artikel „Preissenkung“…

    Beste Backpfeifengrüße

  4. Hallo Wolli,

    danke, dass Preissteigerungen verständlich erklärt werden.
    Viel Erfolg mit dem Blog!

    Beste Grüße

    Knebel

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